Caspar Schwenckfeld von Ossig, spiritualistischer Theologe. Ende November/Anfang Dezember 1489 in Ossig in Niederschlesien geboren, studierte S. in Köln und Frankfurt/Oder, bevor er im März 1511 seinen Dienst an den Höfen der Herzöge Karl I. von Münsterberg-Oels und Georg I. von Brieg antrat. 1518/19 wurde er Rat am Hofe Friedrichs II. von Liegnitz-Brieg-Wohlau. Aufgrund seiner zunehmenden Schwerhörigkeit gab S. Ende 1522/ Anfang 1523 seinen Dienst auf und zog sich nach Ossig zurück, blieb aber weiterhin geheimer Ratgeber Friedrichs II. Ende 1519 berichtete er von einer plötzlichen „gnedigen heimsuchung“, die ihn bei der Lektüre von Luther-Schriften ereilt habe. In der Folgezeit bemühte er sich teilweise mit Erfolg um die Einführung der Reformation bei hochgestellten Persönlichkeiten. Seit 1523 beobachtete der Laienprediger S. mit Sorge die sittlichen Missstände in den durch die Wittenberger Reformation erfassten Territorien und führte sie auf die reformatorische Lehre von der Rechtfertigung zurück, die er anders als die Wittenberger Reformatoren als prozesshafte sanative Gerechtmachung verstand. Da S. „wenig Besserung“ bei den Kommunikanten zu erkennen meinte, wuchsen bei ihm die Zweifel an der leiblichen Realpräsenz Christi in den Abendmahlselementen. Verstärkt wurden diese durch die im Herbst 1524 im Reich ausgebrochenen Sakramentsstreitigkeiten. Ab Sommer 1525 wurde für S. die Lebensbrotrede in Joh 6 zum hermeneutischen Schlüssel für die Abendmahlslehre. Sein Freund Valentin Krautwald entwickelt als Lösung für das Verhältnis zwischen Joh 6 und den Einsetzungsworten die Übersetzung „Mein leib/ der für euch gegeben wird/ IST daas/ nemlich ein Brot“. Als S. Anfang Dezember 1525 in Regierungsangelegenheiten nach Wittenberg reiste, trug er sein neues Abendmahlsverständnis den dortigen Professoren vor. Luther lehnte es jedoch ab und bat ihn darum, es nicht zu publizieren. Daraufhin traten S. und Krautwald mit den Oberdeutschen und den Schweizern in Verbindung. Von Luther Mitte April 1526 deshalb schroff zurückgewiesen, proklamierte S. mit seinen Anhängern aus Liegnitz und Umgebung (sog. Liegnitzer Bruderschaft) am 21. April die Einstellung der Abendmahlsfeiern bis zur Lösung des Sakramentproblems. Im Laufe der Jahre 1526 und 1527 erfasste unter dem Einfluss Krautwalds der spiritualistische Ansatz weitere Bereiche der Theologie S.s. Die Liegnitzer Bruderschaft zeigte sich während dieser Zeit geprägt durch ekstatische und visionäre Phänomene. König Ferdinand I., seit 1528 Oberlehensherr Schlesiens, erließ am 1. August 1528 ein Mandat gegen die Sakramentsverächter, woraufhin S. im Frühjahr 1529 freiwillig Schlesien verließ. Mitte Mai 1529 in Straßburg angekommen, erhielt er gastliche Aufnahme im Haus Capitos. Doch schon im September 1529 kam es zu einer Auseinandersetzung um die Glorie und göttliche Herrlichkeit der Menschheit Christi mit dem nach Marburg reisenden Zwingli. Bei den 1534 zwischen Bucer und S. aufbrechenden Streitigkeiten gelang es Bucer, den Rat der Stadt gegen S. einzunehmen, der ihm am 15. Juli 1534 das Verlassen der Stadt nahe legte. Mitte August 1534 kam S. dieser Bitte nach und begab sich über Speyer und Frankfurt vermutlich zu seinem Anhänger Hans Friedrich Thumb von Neuburg auf dessen Schloss Köngen. Im September 1537 ging S. nach Ulm und blieb dort für fünf Jahre als Gast bei dem Bürgermeister Bernhard Besserer. Die im Mai 1536 zwischen Luther und den Oberdeutschen geschlossene Wittenberger Konkordie lehnte S. als eine „menschliche Concordia wider alle schrifft vnd gotliche warheit“ ab. Ab der zweiten Jahreshälfte 1538 kam es zum offenen Konflikt um S.s Christologie, der dazu führte, dass S. am 11. September 1539 Ulm verlassen musste. Luther lehnte seine christologische Vorstellungen in seiner Disputation de divinitate et humanitate als somnia propria de creatura in Christo ab. Der Schmalkaldische Bund verurteilte unter Vorsitz Melanchthons 1540 dessen Christologie. Von Ende 1541/Anfang 1542 bis Januar 1547 hielt sich S. auf dem Schloss Justingen auf der Alb bei einem seiner vertrautesten Freunde, Freiherr Georg Ludwig von Freyberg d.Ä. auf. Als Kaiser Karl V. im Januar 1547 Ulm einnahm, musste S. zusammen mit der Familie Freyberg das Schloss verlassen. Er fand Zuflucht im Franziskanerkloster in Esslingen, wo er unter dem Namen „Eliander“ lebte. Die 1554 in Württemberg und 1556 in der Pfalz erlassenen antischwenckfeldischen Mandate schränkten seine Bewegungsfreiheit überdies ein. Von 1553 bis 1559 kam es zur Debatte mit Flacius um das verbum externum, in deren Verlauf S. die Auffassung vertrat, es gebe „kein ander wort Gottes… denn den Sun gottes Jesus Christus“. Die Heilige Schrift sei ausschließlich bestimmt für den äußeren, gläubigen Mensch, der allein sie recht zu interpretieren wüsste. S. starb am 10. Dezember 1561 in Ulm im Hause Agatha Streichers, einer seiner vertrautesten Anhängerinnen, deren medizinische Kenntnisse berühmt waren.
TRE 30, 712–719