Hardenberg, Albert (auch Rizäus)

 

geb. ca. 1510 in Hardenberg/Overijssel, gest. 18.10.1574 in Emden, reformierter Theologe

 

 

Das genaue Geburtsjahr Hardenbergs ist unbekannt. Er stammte aus Hardenberg in der niederländischen Provinz Overijssel; ob sein Familienname tatsächlich Rizäus gelautet hat, wie in seinem Epitaph angegeben, ist unklar; seine Schriften veröffentlichte er unter dem Namen Hardenberg. H. wurde in Groningen an der Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben unter dem Rektorat von Goswijn van Halen humanistisch erzogen. 1527 trat er als Mönch in das Zisterzienserkloster Aduard bei Groningen ein, das unter Abt Johannes Reekamp, einem Verwandten H.s, ein weitausstrahlendes geistiges Zentrum des nördlichen Humanismus (Wessel Gansfort) war. Zur Fortsetzung seiner Studien wurde er etwa 1530 an die Universität Löwen gesandt, wo er nach dem Artes-Studium Theologie studierte und Predigten und Vorlesungen hielt, die ihm den Zorn einiger Professuren eintrugen. 1537 brach er zum Studium nach Italien auf, erkrankte aber in Frankfurt. Dort begegnete er dem polnischen Humanisten Johannes a Lasco und erwarb im Dezember 1537 in Mainz den theologischen Doktorgrad. Mit a Lasco kehrte H. nach Löwen zurück, wo sich beide Kreisen reformatorisch Gesinnter anschlossen. Durch Predigten und Vorlesungen geriet H. erneut unter Häresieverdacht; einem gegen ihn von Inquisitor Ruard Tapper eröffneten Verfahren entging H. nur knapp. Nach seiner Rückkehr nach Aduard verließ er 1543 den Orden und studierte bei Philipp Melanchthon in Wittenberg. Der Anteil a Lascos an H.s Hinwendung zur Reformation ist umstritten. 1544 trat H. auf dem Speyrer Reichstag in die Dienste des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied und arbeitete mit Martin Bucer und Melanchthon am Entwurf einer Reformationsordnung für das Kölner Bistum. Er reiste nach Straßburg, Konstanz, Basel und Zürich und trat in engen Kontakt mit den Schweizer Theologen. Nach dem Scheitern des Kölner Reformationsversuchs 1547 war er als Feldprediger Graf Christophs von Oldenburg an der für die Protestanten siegreichen Schlacht bei Drakenburg beteiligt und zog mit diesem nach Bremen ein. Er wurde zum Prediger am Dom ernannt und heiratete. Schon bald kam es mit den Predigern der Stadt zu ersten Kontroversen um die Abendmahlslehre, die unter Vermittlung Melanchthons beigelegt werden konnten. In der ablehnenden Haltung zum Interim war H. mit seinen Bremer Kollegen eins, er kritisierte auch Melanchthon wegen dessen allzu nachgiebiger Haltung. Einladungen nach England schlug er aus. Im Auftrag des Bremer Rats verfasste er auch theologische Stellungnahmen im Aepinschen und Osiandrischen Streit, wobei er zu beider Lehren eine kritische Haltung einnahm. 1554 flammten die Auseinandersetzung um die Abendmahlslehre wieder auf, nachdem a Lasco – als Leiter der Londoner Flüchtlingsgemeinden von Joachim Westphal als Sakramentierer angegriffen – mit seiner Gemeinde über Bremen nach Ostfriesland gekommen war. Um seine Stellung in Bremen nicht zu gefährden, opferte H. sogar seine Freundschaft zu a Lasco und hintertrieb dessen Stellung in Ostfriesland. A Lascos Weggang nach Frankfurt beendete 1555 die Verbindung zwischen beiden. Dennoch konnte sich H. der Kontroverse nicht entziehen: Sein Bremer Kollege Johannes Timann veröffentlichte 1554 eine „Farrago“ genannte Schrift gegen die reformierten Abendmahlsauffassungen. Timann verfocht darin die Ubiquitätslehre und verlangte die Unterzeichnung seines Buchs durch alle Bremer Prediger, die H. verweigerte. Im daraufhin ausbrechenden sog. „Bremer Abendmahlsstreit“ versuchte H. anfangs, sich dem Druck durch Berufung auf ältere Bekenntnisse zu entziehen. Dann aber griff er die Ubiquitätslehre Timanns und die ihr zugrundeliegende, auf Johannes Brenz zurückgehende Christologie offen an und forderte, eine Disputation darüber in Wittenberg abzuhalten. Doch der Bremer Rat reichte dort nur das Bekenntnis der Bremer Prediger, nicht aber die „PositionesH.s ein. Die Stellungnahme der Wittenberger Theologen stärkte zwar vordergründig H.s Position, doch brachte ihn seine Weigerung, CA und AC zu unterzeichnen, in erneute Bedrängnis. In den Bremer Streit griffen die norddeutschen Städte, Matthias Flacius, Joachim Mörlin, Joachim Westphal, König Christian III. von Dänemark und andere ein; zudem brachte H.s Verweigerung gegen die CA den Rat reichspolitisch in eine prekäre Situation. Ein Hansetag der wendischen Städte verlangte vom Rat die Entlassung H.s. Zu einer Behandlung der Abendmahlslehre H.s auf dem Wormser Gespräch 1557 kam es wegen des vorzeitigen Abbruchs nicht. Etwas Luft konnte H. sich verschaffen, indem er dem Frankfurter Rezess 1558 zustimmte. Zudem war H. als Domprediger dem Bischof und Domkapitel, nicht dem Bremer Rat unterstellt. Doch die Berufung Tilemann Heshusens zum Nachfolger Timanns verschärfte die Situation wieder. Als mit Melanchthons Tod H.s wichtigster Fürsprecher verstummte, bröckelte die Front seiner Unterstützer. Nicht, wie von H. gefordert, ein Theologengremium, sondern eine politische Versammlung, der Landtag des niedersächsischen Reichskreises, befand schließlich über sein weiteres Schicksal. Die hanseatischen und braunschweig-lüneburgischen Theologen, vertreten durch Paul von Eitzen, David Chytraeus, Mörlin, Heshusen und Chemnitz, erklärten ihn zu einem Sakramentierer und Zwinglianer. Der Kreistag forderte im Februar 1561 das Domkapitel auf, H. zu entlassen; zwar erkannte H. die Verurteilung nicht an, doch er verließ Bremen. Für vier Jahre zog er sich in das Kloster Rastede bei Oldenburg in den Schutz seines Förderers Christoph von Oldenburg zurück, wo er an einer Biographie Wessel Gansforts arbeitete. 1565 wurde er Prediger in Sengwarden/Oldenburg, zwei Jahre später wurde er als Prediger nach Emden berufen, wo er als hochangesehener Vorsitzender des Coetus, der ostfriesischen Predigerversammlung, 1574 an der Pest starb.

 

ADB, NDB, RE, RGG3, RGG4, TRE, BBKL, LThK

Deutsches Biographisches Archiv (DBA): I 472,262-278;II 523,74-93;III 350,254-255