Amsdorf (Amsdorff), Nikolaus,
geb. 3.12.1483 in Torgau, gest. 14.5.1565 in Eisenach, Theologe, Bischof
A. stammte aus einer thüringischen Adelsfamilie und war ein Neffe mütterlicherseits des Augustinergeneralvikars Johann von Staupitz. Seit ca. 1497 war er Schüler der Thomasschule in Leipzig, seit 1500 studierte er, zuerst in Leipzig, später in Wittenberg. A. erwarb eine Reihe akademischer Grade (Baccalaureus, Magister artium, Sententiarius) bis hin zum Licentiat der Theologie im Jahr 1511. Seit 1508 hatte er eine Stiftsherrenpfründe am Allerheiligenstift inne und lehrte Philosophie und Theologie. 1511 war er Dekan der Artes-Fakultät, 1513 und 1522 Rektor der Universität und bemühte sich um Universitätsreformen.
Als Kollege Luthers ist A. wohl um 1516 erstmals mit dessen neuer Auslegung des Römerbriefs in Berührung gekommen, schloss sich ihm schnell an und blieb ihm zeitlebens auf engste verbunden. A. begleitete Luther 1519 zur Leipziger Disputation und 1521 zum Reichstag nach Worms, er war in die Pläne zur Entführung Luthers eingeweiht und er hielt die Verbindung bis zu Luthers Rückkehr im Frühjahr 1522 aufrecht. 1524 wurde A. zum Superintendenten von Magdeburg und Pfarrer an St. Ulrich berufen; er betrieb die Umsetzung der Reformation in der Stadt, führte Auseinandersetzungen mit den Dompredigern auf katholischer Seite und Spiritualisten wie Melchior Hofmann und ordnete das Schulwesen der Stadt neu, wobei ihm Caspar Cruciger und Georg Major als Schulrektoren zur Seiten standen. Parallel dazu bemühte er sich auch an anderen Orten um die Einführung reformatorischer Kirchenordnungen, etwa in Goslar und Einbeck, und diente als Ratgeber, etwa in Hannover und später im albertinischen Sachsen. Als Teilnehmer an Religionsgesprächen zeigte sich A. meist kompromisslos; so unterschrieb er weder 1536 die Wittenberger Konkordie mit den Oberdeutschen noch 1541 das Regensburger Buch zur Verständigung mit der katholischen Seite. Dagegen blieb er in verschiedenen Auseinandersetzungen jeweils bei der Position Luthers, etwa in der Kontroverse mit Erasmus von Rotterdam oder im antinomistischen Streit mit Johann Agricola.
Als 1541 der Bischof von Naumburg starb und das Domkapitel den Reformkatholiken und Propst des Kapitels, Julius von Pflug, zum Nachfolger wählte, wurde A. auf Druck des Kurfürsten von Sachsen, Johann Friedrich, als Bischof durchgesetzt und am 20.1.1542 von Luther ordiniert. Seine Bemühungen um Reformen im Bistum scheiterten aber zum großen Teil am Widerstand von Domkapitel und Offizialen. Mit der Niederlage seines Unterstützers Johann Friedrich im Schmalkaldischen Krieg musste A. aus Naumburg weichen, und Pflug nahm das Amt wieder ein. A. kehrte zurück nach Magdeburg und begann mit Nikolaus Gallus und Matthias Flacius Illyricus den unnachgiebigen publizistischen Kampf gegen die kaiserliche Religionspolitik und die daran mitwirkenden Protestanten, der Magdeburg kurzzeitig zum produktivsten Druckort Deutschlands machte. Im sog. interimistischen und adiaphoristischen Streit bezog A. scharf und mit allen Mitteln der Polemik Stellung gegen jede Art von Kompromissbereitschaft gegenüber dem Kaiser, namentlich im sog. Leipziger Interim. Auch ehemalige Wittenberger Weggefährten wie Bugenhagen schonte er nicht.
Nach Freilassung Johann Friedrichs aus der kaiserlichen Haft versah ihn dieser 1552 mit einer Stelle in Eisenach, die A. bis an sein Lebensende innehatte. Von hier aus nahm er nicht nur die faktische Leitung des Kirchenwesens im ernestinischen Herrschaftsgebiet wahr (Visitation 1554), sondern betrieb auch die Etablierung der Universität Jena als gnesiolutherische Gegeneinrichtung zu Wittenberg und die Weimarer Luther-Ausgabe als Konkurrenz zur Wittenberg Edition. In allen theologischen Streitigkeiten der Zeit ergriff A. das Wort, so gegen Andreas Osiander, im Majoristischen Streit gegen Georg Major und Justus Menius (bis hin zu der Schrift von 1559 „Daß die Propositio (Gute werk sind zu seligkeit schädlich) eine recht ware christliche Propositio sei“), später gegen Johann Pfeffinger sowie gegen Theologen der Jenenser Fakultät wie Victorinus Strigel, Matthias Judex und Johannes Wigand (Synergistischer Steit). Im Erbsündenstreit vertrat er in Briefen die flacianische Position, dass die Erbsünde die Substanz des Menschen sei, verzichtete jedoch auf eine Stellungnahme in einem öffentlichen Druck. Wohl nicht zuletzt deswegen blieb er bei der Vertreibung der Flacianer aus Jena unbehelligt. Noch bis zu seinem Tod setzte er die Kontroversen fort, etwa gegen Tilemann Heshusius in dessen Konflikt mit dem Magdeburger Rat.
Amsdorf vertrat immer den Anspruch, die unverfälschte Lehre Luthers beibehalten zu haben, ging aber namentlich in der Frage eines protestantischen Widerstandsrechts gegen den Kaiser deutlich über ihn hinaus, ohne ansonsten theologisch eigenständig gewesen zu sein. „Eine wissenschaftliche Auswahlausgabe wäre erforderlich.“ (Rogge, TRE)
ADB, RE, TRE, RGG3, RGG4; Kolb, Amsdorf.